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Betrieb, Diverses

Weihnachten ist vorbei, Zeit eine Bilanz zu ziehen.

Nachstehend veröffentlichen wir einen Beitrag zur wohl schlimmsten Zeit für die ArbeiterInnen in der Gastronomie: Eine Bilanz und Tagebuchaufzeichnungen von einem Arbeiter zur Weihnachtszeit. [Preprint der nächsten Ausgabe der Antifaschistischen Aktion]

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Was für viele angeblich die schönste und besinnlichste Zeit des Jahres ist, ist für eine große Anzahl Arbeiterinnen und Arbeiter wohl eher eine Zumutung. Von der ständig steigenden Kommerzialisierung und der Versuch scheinbar schon ab Juni „Weihnachtsstimmung“ zu verbreiten sind hier nur die Spitze des Eisberges. Dass sich das christliche Fest im Coca-Cola Gewand an sich, für die meisten von uns jeglicher Relevanz entzieht, muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnt werden. Amerikanische „Bräuche“ sowie ausschweifende Keks und Glühwein-Orgien fungieren hierbei als bürgerliche Frustableiter im vorweihnachtlichen Gesellschaftsleben.

Der soziale Druck auf uns Arbeiter steigt zu dieser Zeit enorm. Mediale Dauerbeschallung und der Aufruf zum exzessiven Konsum sind Wochenlang unser Dauerbegleiter. Denn wir wissen ja, „wenn es der Wirtschaft gut geht, geht’s uns allen gut“. Der bittere Zynismus dieser Aussage wird besonders denjenigen unter uns mit Kindern bewusst. Meterlange Wunschzettel und daraus resultierende traurige Gesichter, falls diese nicht zur Gänze erfüllt werden. Lego-Festungen, Comichelden und Püppchen, natürlich alles nur in Markenqualität. Denn zu Weihnachten lernen schon die Kleinsten aus der Werbung, dass das Beste gerade gut genug ist. Mit steigendem Alter steigen natürlich auch die Ansprüche und die Forderungen nach Handys mit Apfellogo und dreigestreiften Turnschuhen.

Doch die reichliche Beschenkung macht hier noch nicht Schluss, ob Chef oder Mizzitant jeder  will bedacht sein. Hinzu kommen noch diverse Ausgaben für das heilige Konsumfest an sich. Ein Baum muss her, reich geschmückt. Ein fetter Braten oder Fisch auf den Tisch. Eine besondere Aktivität darf auch nicht fehlen, Kino, Eislaufen, oder ein Tag auf der Skipiste. Dass vom Urlaubsgeld, welches viele von uns oftmals nicht mal vollständig erhalten, nichts übrig bleibt ist klar.

Weihnachten als Schuldenfalle und Brandherd familiärer Unruhen.

 

Impressionen eines Arbeiters in der Gastronomie

Wir, ein gastronomisches Großunternehmen bestehend aus Restaurant und Freizeitcenter unter einem Dach in einem Ort in der österreichischen Provinz –  mit Rund 40 Mitarbeitern, die sich zu großen Teilen aus Ostdeutschen und „Restösterreichischen“ Arbeitern zusammenstellen, stehen exemplarisch für ein westösterreichisches Erfolgsunternehmen. Unsere Herren besitzen über 10 Firmen in Österreich. Ihnen direkt unterstellt sind jeweils Betriebsleiter die wiederum Firmenanteile besitzen. Die Jahresumsätze der einzelnen Unternehmen belaufen sich auf Millionenhöhe. Abteilungsleiter bilden das mittlere Management, welche Großteils das Tagesgeschäft leiten. Darunter die breite Masse an Arbeitern. Die Hierarchien sind allgegenwärtig.kapitalismus_big

15. November

Die Ziele sind gesteckt, das einheitliche Firmenmotto für die diesjährige Weihnachtssaison lautet Leistungssteigerung. Die alljährliche Urlaubssperre wurde verhängt, nun geht es ums Ganze. Alle wissen, die nächsten 6 Wochen werden die Hölle. Wir bleiben gespannt…

17.November

Die Reservierungscomputer gehen über, täglich müssen zahlreiche neue Anfragen bearbeitet werden, die Provinz ist in Stimmung und der Druck steigt ständig. Bis zu 15 Weihnachtsfeiern täglich müssen bekocht, bedient und rundum verwöhnt werden.

20. November

Das erste große Wochenende steht bevor, jeder ist gestresst und die zu brechenden Umsätze der Vorjahre werden wie kapitalistische Mantras rezitiert. Jeder Fehler wird hart bestraft, zu wichtig ist dieses große Geschäft.

 23. November

Ein Gast, der schon bekannt ist, der schon öfters wegen Wiederbetätigung vor Gericht saß, macht wieder einmal Witze über den Holocaust. Antifaschistische Mitarbeiterinnen fordern diesen daraufhin auf sich zusammenzureißen oder das Lokal zu verlassen. Für ihr couragiertes Auftreten werden sie daraufhin von ihrem Vorgesetzten mit den Worten „Wenn euch was nicht passt, könnt ihr euch ja schleichen“ zurechtgewiesen. Der Gast sei immerhin Konsument, „der kann sagen was er will“. Drei  konsumierte Biere sind offenbar wertvoller als Menschenwürde und Ethik.

28. November

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf, zehntausende umgesetzte Euros später und noch immer ist kein Ende in Sicht. Sämtliche Mitarbeiter sind sichtlich erschöpft. Das Überstundenbarometer  ist am durchdrehen. Gutbürgerliche Bewohner unseres beschaulichen Alpenstädtchens  lassen an uns ihren angestauten Frust aus. Beschwerden und Demütigungen stehen an der Tagesordnung. Keifende ältere Herrschaften belästigen und begrabschen die zum Teil blutjungen Mitarbeiterinnen. Das alles wird kommentarlos von der Führungsebene toleriert, denn das Business steht an erster Stelle.

6. Dezember

Halbzeit. Unsere Weihnachtsgehälter wurden überwiesen. Natürlich nicht vollständig. Auf wiederholtes Nachfragen bekommen wir eine ominöse Steuer erklärt, die unsere Gelder bis zu fünfzehn Prozent fressen soll.  Für einige der mit 30 Stunden beschäftigten und alleinerziehenden Arbeiterinnen bedeutet dies folgende Rechnung: 900€ netto Gehalt x2 = 1800€ – 15% = 1530€ bei maximaler Überstundenbelastung. Was nach einem Textbeispiels einer Mathemathikschularbeit der 5. Schulstufe klingt, bedeutet für diese Frauen 270€ weniger für ihre Kinder und deren Weihnachtsfest. Doch niemand beschwert sich laut, zu hoch ist die Angst gekündigt zu werden. Zu existenziell die Abhängigkeit.

13.  Dezember

Es läuft nicht ganz wie geplant. Langsam zeichnet sich ab was einige schon befürchtet haben: das Geschäft läuft schlechter in diesem Jahr als in den beiden Jahren zuvor. In der Bar wird eine Liste mit den Umsatzsummen der letzte Jahre zum jeweiligen Datum ausgehängt. Der Alkoholkonsum einiger Kollegen wird exzessiv. Zu hoch ist der Druck, zu gewaltig die Ansprüche unserer Herren. Einige von uns arbeiten mittlerweile 6 Tage die Woche und täglich wird versucht alles zu geben. Während wir die ansässige Bürgerschaft hofieren und unsere Chefs mit ihren Kindern die Vorweihnachtszeit genießen oder den nächsten Skiurlaub planen, arbeiten wir bis zur Erschöpfung.

So mancher spricht von Burn-out, Nervenzusammenbruch und Ähnlichem. Die Kinder der Arbeiter-innen werden vernachlässigt dafür aber die royale Familie beim Sonntagsausflug im eigenen Betrieb bis zur Lächerlichkeit verwöhnt.

21. Dezember

Der Dienstplan für die Weihnachtswoche hängt. Niemand von uns ist wirklich zufrieden damit.

Bis zum 23. Dezember wird noch einmal alles gegeben. Gnädigerweise haben die meisten von uns an Weihnachten frei bekommen, natürlich nicht als Bonus sondern anstatt eines regulären freien Tags. Arbeiten müssen am 24. Dezember nur vier junge Mütter die das Mittagsgeschäft im Restaurant leiten, so wie Köche aus Ostdeutschland. Hier wird Familienfreundlichkeit groß geschrieben. Die beiden Feiertage darauf sind wieder normale Arbeitstage für alle. Ich selbst jongliere meine Dienste um in Wechselschicht mit meiner Frau, um das Kind Zuhause zu betreuen. Das heißt Dienst für mich von 13h bis 24h. Für meine Frau (die in einer Bar arbeitet) von 18h bis 06h. Um unser Kind lückenlos zu betreuen muss auch noch meine Schwägerin einspringen. Organisatorische Meisterleistungen sind gefragt um Arbeitgeber und Familie ausreichend zu befriedigen.

31. Dezember

Wir alle sind komplett am Ende, die Mehrheit von uns ist von Stress und Krankheiten gezeichnet. An Krankenstand oder Urlaub ist für die Meisten nicht zu denken. Wieder herrscht die Angst Schwäche zu zeigen und somit den Arbeitsplatz zu gefährden.

Dank für die letzten Wochen im Dienste der Firma sind nicht zu erwarten. Hundertausende erwirtschafteter Euros an kollektiver Arbeitsleistung sind nicht genug. Man hört, dass die gesetzten Ziele nicht zur Gänze erreicht wurden. Auch sind Gerüchte im Umlauf das bald einige Mitarbeiter entlassen werden sollen. Ich fühle mich stolz und gedemütigt zugleich. Stolz gemeinsam mit Kollegen hart gearbeitet und durchgehalten zu haben. Gedemütigt aufgrund des zu geringen geleisteten Widerstandes. Die stille Akzeptanz zum Arbeitsinstrument einer herrschenden, uns ausbeutenden Klasse geworden zu sein.

Doch wir lassen uns nicht brechen, Ziel muss es sein, solidarisch gegen diese Ungerechtigkeiten vorzugehen. Wir die arbeitende Masse haben das Recht und die Pflicht uns alle gemeinsam dagegen aufzulehnen, darüber zu sprechen und weiter zu kämpfen!

 Solidarität, L.

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